Archiv für den Monat Mai 2013

Im Bezirksmuseum

Die stellvertretende Leiterin Eva Müller ist Mitte 60 und wird von einem Mann belagert, der gerade mit seinem Enkel seine Jugend besuchen kommt und alle Anekdoten, Plätze und Kinos seiner Kindheit aufzählen will. Obendrein stellt sich heraus, dass Gast und Museumsmitarbeiterin beide aus der Herklotzgasse stammen. Er ist aber 1938 auf Nummer 32 geboren und kennt ganz andere Sachen als Frau Müller, die 1947 in der auch sonst geschichtsträchtigen Nummer 21 zur Welt gekommen ist – und je eine Broschüre über das Leben ihrer Großeltern und ihrer Eltern veröffentlicht hat, in denen allerdings wesentliche Teile der Geschichte fehlen.

Die beiden werden sich nicht einig, ob ins Kino gehen (es muss damals ungefähr so viele Kinos gegeben haben wie heute Billas) in ihrer Kindheit billig war oder nicht. Er ist nämlich quasi jeden Tag hineingegangen, während es für sie die große Ausnahme war. Der Ersterklärungsversuch ‚unterschiedliche Einkommenssituationen‘ greift nicht, vielmehr stellt sich dabei heraus, dass die beiden auch noch aus dem gleichen niedrigen Beamtenmilieu stammen (das, so wie die beiden reden, offenbar bildungsnah war). Nachdem ich längere Zeit (erfolglos, kleiner Raum, lautstarker Erzähler) versucht habe, das Gespräch zu überhören und die interessanten, aber ein bisschen unsystematisch ausgestellten Bilder und Texte zur Bezirksgeschichte zu lesen, mische ich mich mit der These ein, dass vielleicht der Wandel des Kinos vom alltäglichen Groschenvergnügen der kleinen Leute zur nicht mehr ganz billigen Abendunterhaltung genau in die Altersdifferenz zwischen den beiden gefallen sein könnte. Mein Vorschlag wird mit ratlosem Schulterzucken hingenommen, aber dafür bin ich jetzt auch Unterhaltungsteilnehmer und erfahre Kino-Anekdoten: Er ist wochentags mit dem Geld, das er mit Verpackungspapiersammeln für den Krauthändler verdient hat, in alte Errol Flynn Filme gegangen. Im (kürzlich als letztem Kino in der Gegend geschlossenen) Gloriette durften die 12-jährigen Buben auch in jugendverbotene Filme gehen. Der Kinobetreiber hatte anscheinend ein Schlupfloch aus dem Jugendschutzgesetz gefunden: Die Filme wurden nicht mit ihrem Titel angekündigt, sondern quasi als Sneak-Preview. Der Kinobetrieber hat also originellerweise auch so getan, als würde er nicht wissen, welcher Film da auf die Kinder zukommt.

An Samstagnachmittagen ist die Kleinbeamtenfamilie rituell in einen aktuellen ‚Blockbuster‘ gegangen. Man hat die Karten zwei Wochen vorher reserviert, um nicht auf die Schwarzmarktpreise angewiesen zu sein, die gelegentlich das dreifache des regulären Eintrittspreises ausgemacht haben. Die Starvehikel sind in allen Kinos gleichzeitig gelaufen, sagt der Beamtensohn, es hat aber nicht für jedes Kino eine Kopie gegeben. Deswegen haben die Filme zeitversetzt begonnen und den ganzen Samstag sind Boten mit den einzelnen Akten der Filme durch die Stadt geschwirrt, sodass ein und die selbe Kopie in drei verschiedenen Kinos gleichzeitig gelaufen ist. Frau Müller hört sich die Geschichte mit einem Gesichtsausdruck an, als ob sie gerade hinter die Lebenslüge ihres Vater kommen würde, dergemäß die Kinobesuche mit dem kleinen Beamtengehalt einfach nicht leistbar waren. Möglicherweise muss sie ein, zwei Kapitel in ihren Broschüren umschreiben.

Sie zieht sich ein bisschen zurück, weil sie weiter Fotos und Textausschnitte auf eine Stellwand kleben muss. Das Gespräch ebbt ab und neben einem Theaterkostüm von Paula Wessely finde ich, was ich eigentlich gesucht habe: Die Grenze zwischen Rudolfsheim und Fünfhaus. Die verläuft plausiblerweise entlang der Grenzgasse, dann aber kontraintuitiv nicht geradeaus weiter die Reindorfgasse runter, sondern schlägt auf der Mariahilferstraße einen Haken stadteinwärts und biegt erst in der Arnsteingasse (oder Geibelgasse? So schnell geht’s.) wieder nach Süden ab. Paula Wessely war demnach die größte Tochter von Fünfhaus. Ich bin Rudolfsheimer und unser größter Sohn ist Alfred Adler. Der ist an der Westgrenze des Bezirksteils aufgewachsen. Sein Geburtshaus (das letzte in der Mariahilferstraße rechts) hat noch immer was von der scharfen Stadtkante, die es 1870 an der Grenze zu weitläufigen Feldern war. Die Schalungsplatten, mit denen die Fenster des Hauses verbarrikadiert sind, erinnern eher an Detroit nach dem Verfall oder New Orleans vor dem Sturm. So heftig wird es wahrscheinlich nicht kommen, aber immerhin reißt der lebhafte Wind, der meistens vom Gloriette-Kino runterweht, immer wieder die Plastikfolie von der Alfred-Adler-Gedenktafel.

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