Archiv für den Monat Juli 2013

Dogan Style

Vor dem Geschäft schwirrt mir ein überengagierter junger Mann entgegen und führt mich höchstfreundlich an meinen Platz vor dem Spiegel. Er selber ist aber gar nicht der Friseur, sondern nur ein Junge aus dem 15. Bezirk, der gern Friseur wäre und ein bisschen wirr im Kopf ist, erklärt später der tatsächlich zuständige Melih Dogan. Der Junge darf hier abhängen, Tee trinken und gelegentlich Kunden mit seinem freundlichen Wesen aufmuntern. Diese Art von Toleranz ist in der Geschäftswelt rar geworden. Dogan praktiziert sie mit der heiteren Gelassenheit eines kurz vor der Pensionierung stehenden Dorfgreißlers, obwohl er erst 23 Jahre alt ist.

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Im Februar hat er das Herren- und Kinderfriseurgeschäft gemeinsam mit seinem älteren Bruder Ali aufgemacht. Es war die bereits zweite einschlägige Eröffnung in der Reindorfgasse innerhalb von kurzer Zeit. Melih Dogan erzählt, dass sie den Konkurrenten erst bemerkt haben, als sie den Mietvertrag schon unterschrieben hatten. Das sei aber kein Problem, der Betrieb laufe besser als erwartet. Was auch daran liegt, dass Dogan selber in der Gegend wohnt und deshalb Freunde, Bekannte und Verwandte von Anfang an einen Kundenstock gebildet haben. Eigentlich haben die Brüder vorgehabt, im Hinterzimmer auch eine Damenabteilung einzurichten, aber das Geschäft läuft so gut, dass sie noch abwarten können, ob die Mieterin des Nachbarlokals ihren Vertrag im November vielleicht auslaufen lässt und so eine größere Expansion möglich wird.

Ali hat schon in der Türkei Herrenfriseur gelernt, Melih selbst ist vor 9 Jahren im Alter von 14 nach Wien gekommen und hat vom österreichischen Schulsystem nur das Poly kennen gelernt. Mit dieser Bildungskarriere hat er keine Chance auf einen Lehrplatz in seinen Wunschberufen Mechaniker oder Elektrotechniker bekommen. Da hat sein Bruder gemeint, er soll Friseur werden, dann könnten sie irgendwann gemeinsam ein Geschäft aufmachen. Melih hat den Rat befolgt und eine Lehre gemacht, und zwar bei einem „österreichischen“ Friseur. Der Vorteil dabei: Melih hat sehr schnell sehr gut Deutsch gelernt. Der Nachtteil: Die österreichische Ausbildung ist in Wirklichkeit eine zum Damenfriseur. Einerseits weil es in hier keine Herrenfriseurtradition gibt (Rasieren kommt in der Ausbildung überhaupt nicht vor), andrerseits wurde von den Zuständigen offensichtlich verschlafen, dass junge Männer heutzutage frisurmäßig ziemlich metrosex geworden sind. Zur Illustration: Die Lehrabschlussprüfung dauert 6 Stunden, eine halbe davon verbringt man mit Herrenfrisuren, den Rest in der Damenabteilung. Melih Dogan hat das Problem umgangen, indem er an seinen freien Donnerstagen beim Arbeitgeber seines Bruders ausgeholfen und so „Herren gelernt“ hat. Vielleicht ist er auch deswegen von den 6 Leuten seiner Berufschulgruppe der einzige, der heute als Friseur arbeitet.

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