Archiv für den Monat Januar 2014

Kaufmannschaft

Brigitte Gotwald-Thurner ist die Obfrau der in der äußeren Mariahilferstraße ansässigen Kaufmannschaft. Sie lebt seit 1993 in Wien, seit 1996 betreibt sie die Dreifaltigkeits-Apotheke.

Wieviele Geschäfte sind in der Kaufmannschaft organisiert?
Circa 25. Früher waren es mehr, da haben wir an die 60 Mitglieder gehabt. Es sind aber einige weggegangen oder haben zugesperrt – und die neuen Geschäftsleute kommen nicht zu uns in den Club.

Dazugekommen ist gar niemand?
Es gibt einen Nachwuchs, aber nicht mehr so breit. Das waren in den letzt Jahren vielleicht 3 oder 4 und alles Österreicher. Die ausländischen Kollegen sind der Kaufmannschaft gegenüber sehr reserviert. Also Migranten haben wir nur ganz wenige – wenn man die internationalen Leute von Eybl und Miele nicht mitzählt.

Warum?
Sie verstehen oft nicht, dass wir ein uneigennütziger Verein sind, dass ich für meinen Job nichts verdiene und dass ich von dem Geld des Vereins, das ich verwalte, nicht einem Einzelnen was geben kann, sondern es für Dinge ausgeben muss, wo jeder was davon hat.

Haben die migrantischen Betriebe eine eigene Organisation?
Organisation gibt es keine, aber ich glaube, dass es da schon ein Netzwerk gibt und dass einige Betriebe auch familiär verbunden sind, aber einen genaueren Einblick hab ich nicht.

Was sind ihre Aktivitäten?
Unsere Mittel sind relativ beschränkt. Mit Unterstützung der Stadt finanzieren wir die jedes Jahr die Weihnachtsbeleuchtung. Dann gibt es es seit 3 Jahren die „Grüne Pfote“, da versuchen alle, die mitmachen, nach ihren jeweiligen Möglichkeiten und Gegebenheiten etwas für den Umweltgedanken zu machen. Am Valentinstag haben wir für unsere Kunden kleine Geschenke und wir beschenken uns auch selber mit Blumensträußen, die dann im Geschäft stehen.

Wieso gibt es kein Straßenfest?
Weil wir die Straße wegen der Straßenbahn nicht sperren können, außerdem wäre das wegen den Oberleitungen zu gefährlich.

Veranstalten Sie regelmäßige Treffen?
Vier mal im Jahr machen wir eine Mitgliederversammlung und besprechen, was los ist und wie es weitergehen soll.

Was hat sich in den knapp 20 Jahren, seit sie hier sind, verändert?
Es ist sehr viel besser geworden. Damals hat Wien noch Nachkriegsflair gehabt, mit Kriegsschäden an den Häusern. Aber in dieser Gegend hat mir damals schon gefallen, dass es nicht so tot war wie im 1.Bezirk, hier war ein anderes Pulsen. Ich bin ein bisschen in der Welt herumgekommen und hab ein Gespür für Orte entwickelt, die lebendig sind und das war und ist so einer.

Wie hat sich das Zusammenleben entwickelt?
Es ist zwar immer über die Ausländer geschimpft worden und die Ausländer haben selber auch übereinander geschimpft, aber im Endeffekt hat man das Gemüse beim Türken eingekauft und ist zum persischen Schneider gegangen. Mittlerweile hat sich das so etabliert, dass ich eigentlich lebe wie in Paris oder in New York. Das ist gut so und ich finde dieses Österreichertum nicht ok, das sich für die Elite hält, nur weil es hier geboren ist. Es war schon in der Monarchie ok, dass hier Menschen aus den umliegenden Ländern gelebt haben und das ist auch heute noch so. Für mich zumindest.

Wie hat sich das auf die Straße als Geschäftsstraße ausgewirkt?
Es gibt jetzt eine Vielfalt, zumindest im ersten Drittel nach dem Westbahnhof. Wir haben dort drinnen auch eine Apotheke – dort as ist noch viel internationaler als hier. Durch das Youth Hostel die Hotels und auch wegen der Ämter hat man dort eine ganz andere Kundschaft.

Herr Fränkel, ihr Vorgänger als Obmann der Kaufmannschaft, fühlt sich in dieser Straße nicht mehr wohl und hat sein Bettwarengeschäft zugesperrt.
Sowas funktioiniert heute hier nicht mehr. Es gibt zwar so Geschäfte wie den Werkzeug Willi, wo man weiß man kriegt einfach alles, oder den Melnik, der ein so spezielles Angebot hat, dass die Leute von weit her kommen. Aber die normalen traditionellen Geschäfte funktionieren heute nicht mehr, nicht nur weil hier viel Migranten leben.

Wie hoch ist der Migrantenanteil in ihren Kundschaft?
Fast 70% und wir sind natürlich auch ein mehrsprachiger Betrieb. In letzter Zeit ist der Anteil aber gefühlsmäßig wieder etwas zurückgegangen, durch den Zuzug von alternativen Österreichern. Es sind viele Künstler da in der Reindorfgasse und man sieht immer mehr kleine Lokale aufmachen. Das seh ich auch als Folge der bunten Mischung hier, weil ein Künstler wird sich nicht eine tote Gegend im 1.Bezirk setzt, da hat er ja keine Ansprache. Und hier geht er auf die Gasse und es ist immer was los, da findet man immer was Anregendes.

Glauben Sie, dass durch den Zuzug der Künstler langfristig eine preisliche Aufwertung der Gegend stattfinden wird, durch die die MigrantInnen verdrängt werden könnten?
Das könnt ich mir à la longue vorstellen, aber in der jetzigen Wirtschaftssituation eher nicht, das Immobilienbusiness ist nicht mehr so attraktiv wie es in den letzten 10 Jahren war. Einer mit genagelten Schuhen wird da noch lang nicht hereinpassen.

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