Archiv für den Monat März 2017

Umzug

Es ist dann ganz schnell gegangen. Nach der insgesamt fünften warmen Dusche kam die Anordnung die Sachen zu packen. Ahmad hat seine momentane Existenz in drei Sporttaschen gepackt, die dann von der Heimleitung zum neuen, nicht weit entfernten Wohnort gebracht worden sind. Er selbst hat wie einige andere beim Siedeln geholfen. Das alte Zimmer ist praktisch im Ganzen – inklusive Metallbetten, Schaumstoffmatratzen und grauen Spinden – mitgenommen worden, nur die Stieglbier-Österreichfahne (die Sorte, die man auf seinem Sitz findet, wenn man zu einem Heimspiel der Fußballnationalmannschaft geht), die im alten Zimmer aufgepflanzt war wie eine USA-Flagge auf dem Mond, haben sie dort gelassen.
Das neue Heim ist kleinteiliger und wohnlicher, weil es von vornherein für diesen Zweck konzipiert war. Ahmad wohnt jetzt in einem Apartmeht mit eigenem Küchenbereich, eigenem Klo und Badewanne. Zwar schlafen sie auch hier zu fünft in einem Raum, aber die Kollegen sind ruhige Leute und es ist nicht andauernd Besuch da wie im alten Heim. Außerdem haben dort alle im Zimmer Arabisch gesprochen, hier sind Farsi- und Arabischsprecher gemischt, weshalb Deutsch als Umgangssprache gebraucht wird. Zum ersten Mal ist Ahmad nicht derjenige im Zimmer, der am besten Deutsch kann und deswegen nicht mehr für alles zuständig, was mit Sprache zu tun hat, also praktsich für alles. Alles ist besser geworden.
Ein Mitbewohner ist trotzdem schon wieder ausgezogen. Es ist der Kollege, mit dem Ahmad bis zuletzt im alten Heim zusammengewohnt hat. Ihm ist vor zwei Wochen ein negativer Asylbescheid zugestellt worden, nachdem er fast zwei Jahre – untätig, hilflos und zunehmend deprimiert – gewartet hat. Am Montag ist er zurück in den Irak geflogen.
Er ist eines von vielen Beispielen in Ahmads Umfeld für den Abwärtsstrudel, in den man als Asylwerber*in geraten kann^. Bislang hat Ahmad erfolgreich dagegen angekämpft und ist unverdrossen aktiv geblieben. Seit seinem Interview ist das anders. Er spielt nicht mehr Schach mit mir und er hat angebotenen VHS-Deutschkurs^^ verschoben, weil er sich momentan auf nichts Anderes konzentrieren kann und will als auf das Ergebnis seines Asylverfahrens. Hoffentlich dauert es bis zur Klarheit nur die 1 bis 2 Monate, die ihm der zuständige Beamte in Aussicht gestellt hat und nicht die 14 Monate, die sein ehemaliger Mitbewohner gewartet hat.

^ (Alleinstehende) Männer sind dabei besonders gefährdet, weil sie im Unterschied zu Kindern und Jugendlichen keinerlei Bildungsangebot bekommen und im Unterschied zu einem Großteil der Frauen keine Kinder zu versorgen haben (was die für die psychische Verfassung so wichtigen Faktoren Struktur und Verantwortung in den Alltag bringen würde)
^^ Die Spendengruppe würde ihm wieder einen bezahlen

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