Wohnen

Wenn man eine Sprache gut genug kann, um an den richtigen Stellen zu lachen oder zu nicken, glauben die Gegenüber gern, man versteht alles. Sie loben dafür auch sehr bereitwillig, merken aber oft nicht, dass sie damit auch einen Druck aufbauen. Man muss nämlich sehr selbstbewusst sein um dann trotzdem nachzufragen, wenn man etwas nicht ganz verstanden hat – schließlich will man ja das Lob rechtfertigen. Ahmad geht es ein bisschen so. Meistens ist das kein Problem, er versteht 20 – 40%, wenn Erstsprachler*innen „normal“ mit ihm reden. Das reicht um einem Gespräch zu folgen und den Sinn zu verstehen. Problematisch kann es aber werden, wenn es um etwas Wichtiges geht und in den unverstandenen 60 – 80% Details stecken können, die von existenzieller Bedeutung sind.
Zum Beispiel bei der Wohnungssuche. Ahmad muss im November aus seinem Quartier ausziehen, weil dann die Grundversorgung für ihn ausläuft und er fortan selbst für seine Unterkunft verantwortlich ist. Da der wiener Wohnungsmarkt für Menschen mit Fluchthintergrund gelinde gesagt schwierig ist, bietet die Stadt einiges an Übergangslösungen wie z.B. befristete Wohnungen an, damit die Leute Zeit zum Suchen haben und sich aus der Mindestsicherung ein bisschen Geld für Kaution, Provision und Einrichtung ansparen können.
Ahmads Anmeldung zu einer solchen Lösung im Rahmen der Wohnungslosenhilfe wäre fast gescheitert. Die Frau, die seinen Antrag entgegengenommen hat, hat nicht gewusst, worum es genau geht, weil das Projekt, für das er sich anmelden wollte, noch gar nicht offiziell existiert und die Information über dessen baldigen Start noch nicht bei der Wohnungslosenhilfe angekommen ist. Es war also alles sehr kompliziert^. Obendrein hat die Frau Ahmads Deutsch gelobt, ihn damit aber leider, wie vorhin beschrieben, gehemmt. Zum Glück wollte sie der Sache selbst auf den Grund gehen, hat in aller Ruhe ein paar Telefonate geführt und die Sache geklärt. Deswegen lebt Ahmads Chance auf die Übergangswohnung.
Wenn bei der Antragsstelle gerade 10 Leute statt keinem gewartet hätten oder sonstwie Stress in der Situation gewesen wäre, hätte das auch anders ausgehen können. Das dürfte den beiden Heimkollegen von Ahmad passiert sein, die den gleichen Antrag wie er gestellt haben und abgelehnt worden sind.

^Es herrscht zwar nicht mehr die Gründerzeitatmosphäre von 2015, aber die Strukturen in der Flüchtlingshilfe scheinen sich noch nicht gefestigt haben, während sich zeitgleich durch die sich wandelnden Bedürfnisse der Menschen und die in permanentem Umbruch befindlichen politischen Rahmenbedingugen die Anforderungen ständig ändern.

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Ein Gedanke zu „Wohnen

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