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Herr Polla verkauft Messer, Scheren und Dienstleistungen in der äußeren Mariahilfer Straße

Eigentlich wollte ich mir von Herrn Polla zeigen lassen, wie man Scheren schleift, aber dabei will er sich nicht über die Schulter schauen lassen, weil seine Werkstatt zu klein und für seine Begriffe zu dreckig ist. Dafür erzählt er gern. Anschauen tut er einen dabei allerdings kaum, nicht aus Befangenheit, sondern weil ein Teil seiner Aufmerksamkeit immer seiner Arbeit gehört. Herr Polla besitzt die erstaunliche Fähigkeit, Fragen und Waren gleichzeitig registrieren und bearbeiten zu können. Er kramt in seiner Erinnerung und in einer Schachtel voller Preiszetteln und findet in beidem das Richtige.

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Als er um 1970 seine Ausbildung zum Messerschmied, Scherenschleifer, Hieb- und Stichwaffenmacher (wie sein Beruf ganz genau heißt, weiß er nicht mehr) gemacht hat, war er der einzige Lehrling, vielleicht sogar der letzte, denn bald darauf wurde der Schutz für das Gewerbe aufgehoben. Danach gab es eine Zeit lang eine abgespeckte Ausbildung, mit der die Erben der Messerschmiede zur Übernahme des elterlichen Geschäfts verlockt werden sollten. Ganz abgeschafft ist die Lehrlingsausbildung aber erst 1994 worden. Oder doch nicht ganz, MesserschmiedIn kann man jetzt im Rahmen des Modullehrberufs „Metalltechnik“ werden (insofern ist der Beruf sogar weiter verbreitet denn je, Metalltechnik ist nämlich bei jungen Männern die beliebteste Lehre).

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Heute gibt es laut WKO noch 20 aktive Messer- und Scherenschleifer in Wien. Herr Polla hätte geschätzt, es gibt 5 niedergelassene und einen fahrenden. Der fahrende hat sich einen VW-Bus zur Werkstatt umgebaut und klappert damit Gasthäuser, Hotels und Krankenhäuser ab. Als klassischer Hausiererberuf ist der Messerschleifer aber ausgestorben. Zumindest kommen zu Polla keine Kunden mehr, für die er verschliffene Klingen – die typischen Pfuscher-Kunstfehler – ausbessern muss. Die zeitgenössischen Hausierer, findet Polla, machen ihr Geschäft mit chinesischen Messern ‚Made in Switzerland‘. Zur Illustration und Abschreckung hat er sogar so ein Messerset ausgestellt. Es hat zwar eine Preisauszeichnung, aber darüber pickt das Schild „unverkäuflich“.

An der Arbeit selbst hat sich nicht viel geändert in den letzten 30 Jahren. Deswegen kann Polla seinen Dienst weiter anbieten ohne groß investieren zu müssen. Es sind aber „einige Feinheiten dazugekommen, zum Beispiel die Keramik Messer, die vor ein paar Jahren aufgetaucht sind und von den Leuten gern gekauft werden.“ Die Maschine, die man dafür bräuchte, kauft sich Polla nicht, „weil die 5-100000 Euro kostet plus die Schleifscheibe und so viel Messer kann ich nicht schleifen, dass ich die Investition für die Maschin reinkrieg.“ Da schickt er die Leute lieber runter zum ‚Messerkönig‘ in die Sechshauser Straße, der hat sich die Maschine gekauft. 

Die Schleifaufträge gehen auch deshalb zurück, weil sich die Leute lieber jedes Jahr ein billiges Klumpert kaufen, als gutes Werkzeug regelmäßig schleifen zu lassen. Welche von beiden die billigere Variante ist, findet Polla unklar (was die bessere ist, nicht). „Aber für einen Ein-Mann-Betrieb gibt es noch genug Arbeit. Sogar für einen zwei oder Drei-Mann-Betrieb, siehe Messerkönig, das funktioniert.“ Polla selber schleift in besonderen Wochen, wenn ein Betrieb einen Großauftrag bringt, 200 Messer. 30-40 Scheren und 100 Messer sind es in einer normalen Woche. Die Nachfrage ist also gar nicht so gering, das Problem ist fast eher auf der Angebotsseite daheim, die Scherenschleifer (inkl. ihm selbst – seine Kinder wollen nicht übernehmen) haben keine NachfolgerInnen mehr. Und so kommt eine Negativspirale in Gang: Wegen des mangelnden Angebots schwindet bei den Leuten das Bewusstsein für die Möglichkeit, Messer und Scheren schleifen zu lassen statt neu zu kaufen. Wegen der mangelnden Nachfrage schwindet das Angebot dahin etc.

Kosten tut eine Schleifung zwischen 6 und 10 Euro. Der Preis hat sich über die Jahre „eher zurückhaltend“ entwickelt, so wie eben der Markt insgesamt auch. In seiner besten Zeit hat Polla 5 Filialen gehabt, Ende Juni hat er die vorletzte schließen müssen (aber nicht nur aus betriebswirtschaftlichen Gründen). Sein letztes Geschäft wird er als Ein-Mann-Betrieb weiterführen, bis er nicht mehr mag, oder eher, bis er nicht mehr kann.

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